Glücksfalle

Warum machen wir, was wir machen? Welche Motivation treibt uns an?  Was liegt uns am Herzen? Wann befinden wir uns in einer Glücksfalle? (Foto: M. Schudel)

Wir alle wünschen uns Glück. Wir streben ein Leben lang danach und wir versuchen, es festzuhalten. Und wenn das nicht klappt, vermeiden wir das Unglücklichsein. Doch wer dem Glück hinterherrennt, der läuft an ihm vorbei, meint der Psychologe Russ Harris in seinem gleichnamigen Umdenkbuch – eine Kurzfassung.

Auf der Suche nach Glück

Wir sind in einem Teufelskreis gefangen: Je mehr wir nach Glück streben, desto mehr leiden wir. Und weil wir leiden, streben wir noch mehr nach Glück. Oder zumindest nach der Vorstellung von dem, was wir unter Glück verstehen. Wir enden in der „Glücksfalle“, erklärt der amerikanische Psychologe und Autor Russ Harris.

Um den Glücksfallen zu entkommen (es sind nämlich mehrere), müssen wir diese zuerst als solche erkennen. Etwas enttäuschend ist deshalb der wesentlichste Punkt der sogenannten Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) von Harris: Wir sollten einsehen, dass Glück nicht ständig andauern kann. Viel mehr müssen wir lernen, mit leidvolleren Momente in unserem Leben effektiver umzugehen.

Wir fokussieren den Mangel

Das ist leichter gesagt als getan. Der Grund dafür, dass wir uns mit dieser Vorstellung so schlecht anfreunden können, auch negative Lebensepisoden anzunehmen, liegt in der menschlichen Evolution. Über 100’000 Jahre lang war der Mensch damit beschäftigt, Gefahr und Tod abzuwenden. Im Alltagskampf eigneten wir uns ein Denken an, das darauf abzielte, unser Überleben zu sichern. Obwohl wir uns heute nicht mehr mit Faustwaffen gegen den Säbelzahntiger verteidigen oder das Nachtessen in der Wildnis erjagen müssen (ohne Garantie, lebend nach Hause zu kommen), funktionieren wir noch immer wie in der Steinzeit: Wir fokussieren den Mangel oder das Scheitern.  Wir machen uns Sorgen über Dinge, die zu 99.9 Prozent gar nie eintreten werden.

Auch heute finden wir genügend Situationen im Alltag, in denen wir Mangel empfinden und daran leiden: Die ständige Suche nach Zugehörigkeit, Schönheit und Reichtum führt letztlich dazu, dass wir unglücklich und frustriert sind. Der Vergleich mit andern treibt nicht wenige in den Wahnsinn.

Und dennoch halten wir an unserem Verständnis von Glück fest, nämlich uns gut zu fühlen und Gefühle der Lust, der Freude und der Befriedigung zu empfinden – und zwar Non-Stop. Wenn wir nicht gerade dem Glück hinterherjagen, so versuchen wir, es zumindest festzuhalten. Und weil uns Letzteres nicht gelingt, werden wir ängstlich und depressiv.

Wie wir uns selber unglücklich machen

Harris empfiehlt, Glück neu zu definieren: Glück umfasst ein reiches, erfülltes und sinnvolles Leben, in dem wir uns um Dinge kümmern, die uns am Herzen liegen und die uns eine authentische Lebenserfahrung ermöglichen. Authentisch bedeutet, dass wir die „negativen“ Gefühle wie Trauer, Angst und Wut nicht mehr verdrängen, sondern als Teil eines glücklichen Lebens hinnehmen, und dass „gute“ Gefühle ebenso flüchtig sind wie „schlechte“. Eigentlich haben wir auch keine Wahl, denn eine andere Glücksauffassung endet in einer der folgenden Glücksfallen:

  1. Ich bin glücklich bis an mein Lebensende: Dieses Märchenende kennen wir alle: „(…) und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch glücklich und zufrieden.“ Nicht erst die Märchen der Gebrüder Grimm haben dazu geführt, dass wir Friede, Freude und Eierkuchen als finalen Idealzustand anstreben.  Schlimmer noch: Wir vermuten, dass alle Menschen um uns herum glücklicher sind als wir.
  2. Etwas stimmt nicht mit mir: „Wenn alle um mich herum glücklich sind, dann stimmt wahrscheinlich etwas nicht mit mir, denn ich bin ja längst nicht immer glücklich.“  Wenn Sie so denken, dann ist der Ausgang klar: Sie werden noch unglücklicher sein.
  3. Unglück bedeutet, krank oder abnormal zu sein: „Ich muss alles Negative in meinem Leben ausmerzen.“ Da wir nicht einsehen, dass „Negatives“ zum Leben gehört, werden wir unzufrieden.
  4. Unangenehme Gedanken und Gefühle kontrollieren: „Ich muss meine negativen Gedanken gegen diese oder jene Person loswerden, gegen diesen oder jenen Zustand in den Griff kriegen.“ Solche Kontrollversuche sind zum Scheitern verurteilt, weil wir eben sehr viel weniger Kontrolle über unsere Gedanken und Gefühle haben als wir möchten.

Machtvolle Illusion der Kontrolle

Zugegeben: Manchmal hilft positives Denken wirklich weiter. Doch Hand aufs Herz: Sobald man müde oder gestresst ist, landen wir wieder in einer Glücksfalle. Die Kontrolle über unsere innere Welt der Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Triebe und Empfindungen bricht ein. Männer dürften damit noch grössere Mühe haben als Frauen, zu ihren Gefühlen zu stehen – aus Angst vor Ablehnung und Missbilligung. Und so bauen wir eine Fassade auf, die „zur machtvollen Illusion der Kontrolle beiträgt“. Und weil wir viel Zeit damit verbringen, einem Problem zu entkommen, wird die Lösung zum Teil des Problems: Wir stecken in einem Teufelskreis fest.

Darauf reagieren die meisten von uns mit den Kontrollstrategien „Kampf“ oder „Flucht“: Wenn wir Angst vor sozialen Kontakten und Ablehnung haben, so meiden wir solche Situationen und werden dadurch noch ängstlicher im Umgang mit andern. Oder wir beissen uns in ein Problem fest und lassen nicht mehr los.  Russ Harris legt aber nah, dass Kampf und Flucht nicht immer falsch sind – nur sollte man sie mit Mass einsetzen und dann, wenn wir uns nicht gestresst fühlen.

Warum mache ich, was ich mache?

Alles in allem verwenden wir eine Menge Zeit, Mühe und Energie darauf, schwierige Gedanken und Gefühle zu vermeiden oder loszuwerden. Und so flüchten wir uns in übermässiges Essen, in den Alkoholmissbrauch, in scharfe Selbstkritik, in die Verurteilung anderer oder schieben Entscheidungen auf, stürzen uns in waghalsige Hobbys, zeitraubende ehrenamtliche Tätigkeiten oder in überhöhten Internet- sowie Fernsehkonsum und in vieles andere mehr.

Es ist nicht grundsätzlich schlecht – so der Autor – sich diesen Strategien hinzugeben. Doch die Fragen, die wir uns dabei stellen müssen, lauten:

  • Welche Motivation treibt mich an, etwas (nicht) zu tun?
  • Liegen mir die Dinge, die ich mache, am Herzen?

Im nächsten Blogpost führe ich die sechs Kernprinzipien der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) auf, die einem dabei helfe, mit unwillkommenen Gedanken und Gefühlen effektiver umzugehen.

Quelle: Russ Harris. Wer dem Glück hinterherrennt, rennt daran vorbei. Ein Umdenkbuch. 2007 (2013):  Wilhelm Goldmann Verlag, München.

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