Masken und Gesichter – Impressionen von der Basler Fasnacht

Endlich, die Glockenschläge – es ist vier Uhr früh. Der Basler Morgenstraich nimmt seinen Lauf: Tausende von Trommelwirbeln, das Gezwitscher der Piccoli. Menschen, Laternenlicht, kalte Nacht. Lachende Gesichter, staunende Gesichter und ja, natürlich: Masken, oder besser: Larven.

Larven überall: Grimmige, sarkastische, grinsende, verträumte, traurige, doofe, verzerrte, weinende, arrogante, gelassene, freche, bissige, sensible, grausame, verdorbene, billige, leere, sorgenvolle, ängstliche, beherrschende, brutale, hässliche, herzliche, hübsche, schöne, falsche Masken. Ein Meer von Larven.

Es mutet seltsam an: Warum heben sich die Menschen an den Strassenrändern, die das Treiben säumen, so merklich von der bunten Schar ab? In der Mitte Glanz und Klänge – am Rande Finsternis und Ruhe. Alle sind sie da: Die Zuschauer und die Fasnächtler. Alltagsgewand und Kostüm.  Grau und farbig. Stumm und musizierend. Beteiligt und teilnahmslos. Glotzend und versessen ins Spiel mit Trommel und Pfeife.

Die Menge bewegt sicht, treibt vorwärts, rückwärts, bleibt stehen, prescht vor, zieht sich zurück, geht rauf und runter.  Die Ordnung geht in Unordnung über. Die Alltagsmenschen vermischen sich mit den Farblichtwesen. Oder sind es die Fasnächtler, die mit den Zuschauern verschmelzen? Durcheinander, Lärm, Stille, Nacht, grelle Klänge, rhythmische Töne, Farbe, Farblosigkeit.

Soeben zieht ein Waggis seine höhnische Gesichtsvermummung aus. Nein, der Ausdruck ist nicht höhnisch. Es ist ein verschlossener Gesichtsausdruck. Doch halt: Habe ich da nicht für den Bruchteil einer Sekunde ein trauriges Schimmern in seinen Augen gesehen, das sofort wieder verschwindet? – Ich muss mich getäuscht haben.

Eine alte Tante, des Marschierens und Pfeifens müde, setzt sich auf eine Stufe nieder. Ich betrachte sie genau. Ein Griff – und die Maske ist weg. Ein bildhübsches, junges Gesicht schaut mich an. Wo habe ich das bloss schon mal gesehen? Oder war es möglicherweise andersrum: Ältere, die sich jünger machen?

Die Menge reisst mich mit. Wie ein Spielball auf dem Meer wogen mich die Menschen die Freie Strasse hinunter. Da, ein neues Sujet: Ein Heer uniformierter Soldaten eilt rasselnd und russend an mir vorbei. Gleichgültig, desinteressiert und einheitlich getrimmt, folgen sie ihrem Kommandanten ins Verderben. Sind das wirklich nur Masken und Kostüme?

Ein kleines Kind fällt unmittelbar vor mir auf den Boden. Aus Leibeskräften brüllt es mir entgegen – wohl eher vor Schreck denn vor Schmerz. Schnell helfe ich ihm auf die Beine. Die erzürnte Mutter ist alsbald zur Stelle. Was wohl dieser Fremde mit ihrem Kind gemacht hat? Sie entreisst mir den Blondschopf, schleudert einen wuterfüllten Blick zurück und entschwindet in der Menge. Irgendwie fühle ich mich leer.

Der Morgen graut bereits. Die Strassen lichten sich. Die erste Euphorie ist verflogen. Larven türmen sich vor den Beizen und Cliquenkellern. Alle habe ich sie schon gesehen – und irgendwie doch nicht, irgendwann jetzt oder vielleicht gestern, vor einem Monat, vor einem Jahr, nie.

Ein angetrunkener Fasnächtler trorkelt auf die Strasse. Er scheint eine Phantasiegestalt darzustellen. Ich kann sein Kostüm, seine Verkleidung nicht einordnen:  Ist er ein Tier oder ein Mensch? Träumt er einer verlorenen Jugend nach, trauert er um eine unerfüllte Gegenwart oder erhofft er sich eine bessere Zukunft? Ist es eine Utopie, die er darzustellen versucht? Ich bin verunsichert.

Die Strukturen, die ich zu Beginn so klar und deutlich zu unterscheiden vermochte, brechen zusammen, die Bilder verschwimmen, reissen auseinander, setzten sich neu zusammen und werden wieder Eins. Was ist Larve, was ist Wirklichkeit? Beides oder keins von beiden?

Welches sind die Masken, welches die menschlichen Gesichter? Wer ist Maske? Was ist Maske? Wie ist die Maske? Warum ist die Maske? Wann ist die Maske da?  Masken, nichts als Masken – überall! Sie sind Masken, ihr seid Masken, wir sind Masken, sie und er sind Masken, du bist Maske, ich bin Maske. Was? – Ich soll eine Maske sein? Nein!

Schnell eile ich zum nächsten Spiegel: Ein in Gedanken versunkenes Gesicht schaut mich an – und weicht sofort einem prüfenden Blick. Habe ich nicht soeben eine Maske abgelegt und mir eine neue aufgesetzt? Nein. Doch. Nein. Ich denke: Warum sollte ich das tun? – Ich frage: Warum auch nicht? Ich sage: Das muss so sein, weil du sonst nicht du selbst bist. Weil sich deine Gefühle, dein Gemütszustand so ausdrücken. Dann muss es also ehrlich sein. Kann sein.

Masken sind ehrlich, solange wir sie nicht prüfen können. Dann sind es Gesichter. Wann reden wir also von Masken?  – Wenn wir sie in bestimmten Momenten brauchen, aufsetzen, ablegen, blitzschnell verschwinden lassen, hervorzaubern, unkontrolliert über uns ergehen lassen. Aber warum? Weil wir Menschen sind: Weil wir oft nicht menschlich, aber menschenhaft reagieren: Liebe, Zärtlichkeit, Geduld, Verständnis, Angst, Zorn, Hass, Neid.

Gesichter und Masken. Mit Masken und Gesichtern erkennen wir uns, kommen uns näher, entfernen uns von einander und verlieren uns. Jeder von uns hat Gesichter und Masken. Alle brauchen Masken und Gesichter. Menschsein – und das unterscheidet uns von der Maschine – bedeutet, Masken und Gesichter zu haben, zu brauchen, zu vergessen, loszulassen. Menschenmasken, Maskenmenschen. Vielleicht sind es gerade die Masken, die das Leben interessanter machen.

 

 

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