Ich und Zweifel

Ich und Zweifel unterhalten sich miteinander. So viel zum Voraus: Es ist kein Dialog auf Augenhöhe. (Selfie: Markus Schudel)

 

Ich: „Hallo Zweifel, bist du auch schon so früh unterwegs?“

Zweifel: „Hallo Markus. Man tut, was man kann. Ich habe immer viel zu tun.“

Ich: Es macht dir Spass, ständig aufzutauchen und Leute wie mich zu belästigen, gell?

Zweifel: Sagen wir mal, ich bin ein zuverlässiger und treuer Begleiter. Das ist in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich, oder?

Ich: Eigentlich möchte ich mit dir nichts zu tun haben, aber du bist hartnäckig wie ein störrischer Esel. Deine Treue ist penetrant.

„Ich, der Zweifel, bin dein bester Freund!“

Zweifel: Du hast eine falsche Wahrnehmung von mir. Wusstest Du, dass der französische Romanautor Marcel Proust sagte, dass ich, der Zweifel, dein bester Freund sei?

Ich: Mein bester Freund!? – Dem kann ich nicht beipflichten. Du stürzt mich ins Grübeln, manchmal sogar in die Verzweiflung. Und so jemand soll ein Freund sein?

Zweifel: Wie viele Freunde hast du denn?

Ich: Äh… mit oder ohne Facebook?

Zweifel: Eben, siehst du…!

Ich: Immer, wenn ich einen wichtigen Entscheid fällen muss, funkst du dazwischen. Zum Beispiel bei der Frage, ob ich mich selbständig machen oder angestellt bleiben soll, oder ob ich weitermachen oder mich in eine neue Richtung bewegen soll, ob ich besser diesen oder jenen Beruf ergreifen soll. Es gibt viele Beispiele aus meinem Alltag, in denen du dich einmischst.

Zweifel: Das hat mehr mit dir als mit zu tun. Beschwere dich bitte bei deiner persönlichen Unsicherheit, deinem fehlenden Wissen, deiner übersteigerten Erwartungshaltung oder deiner Ungeduld. Sie sind es, die mich zu Hilfe rufen.

Ich: Die rufen dich zu Hilfe?? – Du bringst mich aber überhaupt nicht weiter. Im Gegenteil: Ich bleibe stehen und komme keinen Schritt vorwärts. Du bist ein Hemmschuh.

Zweifel: Ich bin kein Hemmschuh, sondern ein Motivator, damit du dich weiterentwickeln kannst. Auch suchst du die Schuld ständig bei den andern. Du weisst gar nicht, wie ich oft ich dich bereits vor schlechten Entscheiden bewahrt habe. Immer, wenn es für dich wichtig ist, ziehst du mich heran, um dir ein X für ein U vorzumachen. Ehrlich: ICH fühle mich von dir ausgenutzt, muss für alle deine Spleens herhalten. Wenns nichts Wichtiges ist, warte ich vergebens auf dich. Verhält sich so ein wahrer Freund?

Ich: Ich gebe zu, dass du manchmal ganz gute Einwände bringst, die meine Vorstellungen von oder gegen etwas wie  ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen lassen. Dennoch würde ich gerne auf deinen Senf verzichten.

„Ich hindere dich daran, vorschnelle Entscheide zu fällen.“

Zweifel:  Ich biete dir neue Einsichten und hindere dich daran, vorschnelle Entscheide zu fällen. Das sollte doch ein guter Freund tun, oder nicht?

Ich: Du selbstgefälliger, aufgeblasener Sack. Besonders fies von dir ist, dass du als Advocatus Diaboli immer die Gegenposition einnimmst. Sobald ich mich von deinen Argumenten überzeugen lasse, schlägst du – hämisch grinsend – erneut das Gegenteil vor. Mach dich nicht besser als du bist!

Zweifel: Oh, werden wir wieder mal ausfällig…? Dein probates Mittel, wenn du dich nicht durchsetzen kannst. Mach nur: Hunde, die bellen, beissen bekanntlich nicht!

Ich: Es nervt mich, dass du alles infrage stellst, aber keine Klarheit schaffst. Und schlimmer noch: Du drückst dich vor der Verantwortung und fällst die Entscheide schliesslich doch nicht. Das überlasst du mir.

Zweifel: Ha! Stell dir vor, ich würde für dich deine Entscheide fällen. Wie würdest du dann wohl reagieren?!

Ich: Du stiehlst mir Zeit und bescherst mir Umwege.

Zweifel: Jein, ich beschere dir andere Wege. Dank mir gewinnst du Zeit zum Überlegen und Abwägen. Soll ich dir mal aufzeigen, wie viele Umwege ich dir erspart habe?

Ich: Ich kann dir aber Dutzende von Beispielen aufführen, bei denen du reingefunkt hast und ich Entscheide fällte, die ich im Nachhinein bereue.

„Ich hätte dich gerne noch mehr zweifeln lassen,
aber du wolltest nicht auf mich hören.“

Zweifel: Ich weiss. Ich hätte dich in jenen Situationen gerne noch mehr zweifeln lassen, aber du wolltest nicht auf mich hören. Wie lange soll ich dich denn noch bevormunden? Wann übernimmst du die Verantwortung für dein Leben?

Ich: Bescheidenheit ist eine Tugend, die dir komplett abgeht.

Zweifel: A propos Tugend: Schon vor 2500 Jahren zählten die alten Griechen mich, den Zweifel, – zusammen mit der Nüchternheit – zum Kern der Weisheit! Du dürftest dich also ruhig etwas mehr auf meine Lebenserfahrung abstützen.

Ich: Du, der Zweifel, als Tugend und auf gleicher Augenhöhe mit der Weisheit? Das ist allerdings wirklich sehr ernüchternd.

Zweifel: Hör mal, Freundchen, mir wirds langsam zu blöd. Deine Stänkereien mag ich nicht. Glaub mir, es gibt genügend andere, mit denen ich mich anfreunden kann; sofort und heute noch. Ich sags dir klipp und klar: Du brauchst mich mehr als ich dich brauche. Sonst bin ich eines Tages weg und überlasse dich deinem Schicksal.

Ich: Bist du aber schnell beleidigt! Alter schützt anscheinend vor Torheit nicht…Was willst du denn eigentlich noch von mir?

„Ich wünsche mir mehr Wertschätzung und Achtsamkeit von dir.“

Zweifel: Ich möchte, dass du mir mehr Wertschätzung sowie Achtsamkeit entgegenbringst und mich nicht mehr so despektierlich behandelst. Ist das zu viel verlangt?

Ich: Ist das alles?

Zweifel: Das ist genug – für dich! … und vielleicht, dass du noch besser auf mich hörst. Das würde dir guttun.

Ich: Hast du eigentlich immer das letzte Wort?

Zweifel: Ja.

 

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