Das Bild zeigt Sparkässeli als Geschenksäcke.

Geschenke können schön sein – schön gefährlich, denn mit dem Akt des Schenkens gehen Menschen eine Verpflichtung ein. (Foto: Markus Schudel)

Menschen beschenken sich gerne. Und sie empfangen gerne Geschenke. Peinlich, wenn ich ein Geschenk erhalte, aber dem Schenkenden mit leeren Händen gegenüber stehe. Gross ist die Enttäuschung, wenn man jemanden beschenkt und der Beschenkte nicht an einen gedacht hat.  Überdimensionierte Geschenke, die einem die Sprache verschlagen. Oder die unbeliebten Geschenke, die man gar nicht haben will. Ganz zu schweigen davon, Geschenke nicht mit der entsprechenden Haltung zu übergeben oder zu empfangen. Geschenke bringen die Menschen seit jeher aus der Fassung – und halten die Wirtschaft in Schwung.

Es war einmal…

Es war einmal eine Inselwelt. Auf jeder Insel wohnten ein paar Menschen. Sie besuchten sich gegenseitig mit ihren Kanus und brachten sich Geschenke mit: Tiere, Felle usw. Einige Zeit später folgte der Gegenbesuch – ebenfalls mit Geschenken: Werkzeuge, Waffen usw. Denn Geld gab es damals noch nicht. Dabei wurde darauf geachtet, dass ungefähr die Äquivalenz erhalten blieb: Geschenke mussten etwa den gleichen Wert haben und innerhalb einer gewissen Zeit erwidert werden. Das ging so lang gut, bis die Schenkerei in einen Wettbewerb ausartete…

Der französische Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss schrieb in seinem Klassiker „Die Gabe“ (Essai sur le don) über den Austausch von Geschenken in archaischen Gesellschaften und insbesondere über die Verpflichtung, Geschenke erwidern zu müssen, denn es ging dabei „im Grunde um Zwang und wirtschaftliche Interessen“. Dieser Gabentausch war für die Menschen und Gesellschaften so zentral, dass Mauss dafür den etwas denkwürdigen Begriff „soziales Totalphänomen“ (fait total social) erfand:

Geschenke und Gegengeschenke als Grundlage des menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens.

…ein tödliches Geschenk

Geschenke haben etwas Zauberhaftes, gar Magisches. Und sie können sogar tödlich sein, wie wir von der griechischen Mythologie her wissen, als Odysseus die Idee hatte, den Trojanern ein hölzernes Pferd zu schenken: Den darin versteckten Kriegern gelang es nach zehnjähriger Belagerung, Troja endlich einzunehmen.

Wer hat noch nie eine Mail mit einem verheissungsvollen, geschenkten Inhalt erhalten, hinter dem sich aber ein zerstörerisches Virus befand; Trojaner genannt.

Noch nicht so lange ist es her, seit Frauen bei der Heirat eine Mitgift ins Eheleben einbringen mussten: Das waren grosszügig bemessene Gaben von ihren Familien. Damit gefiel man nicht nur dem Bräutigam und dessen Verwandtschaft, sondern behielt durch den „Geist“ der Gaben auch weiterhin Einfluss auf das Leben der Braut – für den Fall, dass sich die Erwartungen an die neue Verbindung nicht erfüllen sollten.

Weisse und schwarze Magie oder gar Tod durch Geschenke? Gefährlich!

Dilemma des Schenkens

Es gibt eine Unmenge solcher Beispiele über den Akt des Gebens, Nehmens und Erwiderns. Interessant ist sicher, dass dieser gegenseitige und verpflichtende Austausch von Gütern zwischen Menschen und Gesellschaften auch in der heutigen modernen Zeit nach wie vor und trotz Geldwirtschaft funktioniert – oder eben nicht funktioniert – und die Menschen aus der Fassung bringt, denn

  • wann stimmt der Austausch von Geld gegen Produkt für alle Beteiligten wirklich?
  • wer sagt von sich aus, dass er für den Einsatz seiner persönlichen Arbeitskraft genügend Geld erhält?
  • wann findet ein Kunde, dass er für eine Dienstleistung gerne mehr bezahlen möchte?
  • warum stossen wir uns daran, dass grosse Fussballveranstaltungen meistens dort ausgetragen werden, wo die überzeugendsten Geschenke herkommen?
  • was stört uns an Vetterliwirtschaft und Vitamin B, wo man anrüchige Machenschaften und Korruption vermutet? Dabei geht es eigentlich „nur“ um den gegenseitigen Tausch – seien es Jobs gegen Loyalität, Geld gegen Spiele, Vorteile, Treue oder was man sonst noch alles tauschen kann.
  • wer möchte schon wie US-Präsident Barack Obama bereits zu Beginn seiner Amtszeit mit dem Friedensnobel-Preis beschenkt werden und durch diese vermeintliche Ehre massiv unter Druck und Zugzwang geraten?

Man bringt den Beschenkten durch Geschenke in ein Schuldverhältnis, das ihn zwingt, das Gleichgewicht wieder herzustellen – und zu reagieren. Die Soziologen reden von asymmetrischer Reziprozität. Der Beschenkte wird ins Sekundäre verwiesen. Der Schenkende ist der Primäre und somit der Mächtige.

Wenn Sie also wieder unter Stress und Zugzwang bei der Schenkerei kommen, dann trösten Sie sich: Es geht nicht nur allen so, es wird auch immer so sein.

Und: Was auch immer Sie tun, Sie kommen nicht darum herum, ein Geschenk in irgendeiner Form zu erwidern.

 

Bibliographie:

Marcel Mauss. Die Gabe. Die Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften („Essai sur le don“). 1924: L’Année Sociologique.

 

 

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