Gastbeitrag von Rudolf Schenker

Hören wurde lange Zeit als wichtister Sinn betrachtet.

Verliert der heutige Mensch zunehmend sein Hörvermögen? Hören wurde in der Antike als wichtigster menschlicher Sinn betrachtet. (Bild: Fotolia)

Nicht das Auge, sondern das Ohr ist Zentralorgan

Wer kennt nicht Joseph Haydns Werk ‚Die Schöpfung‘?  – Dieses Musikwerk steht in der grossen Tradition, die besagt, dass die ganze Welt ein Klangraum sei. Antike Autoren wie Pythagoras, Platon und Aristoteles, aber auch Kepler vor 400 Jahren, bezeichneten das Universum als ein System von Sternen, in dessen Zentrum sich die Erde befände und Sterne wie Sonne um diese kreisten: Durch Kreisen erzeugten die Himmelskörper ein Klingen: Sphärenmusik oder Weltharmonie genannt.

Die ganze Welt also ein Klangkörper – und wir mitten drin. Wir hören und ge-hören so dazu. Indem wir hören, sind wir Hörige der Welt. Wir horchen und gehorchen, so die deutsche Sprache. Nicht das Auge, sondern das Ohr ist das Zentralorgan, so diese Tradition. Gott spricht, haucht, sein Hauch, Pneuma genannt, tönt, klingt.

„Wer also nicht hört, ist von der Welt ausgeschlossen, könnte man folgern.“

  • Ein Beispiel aus der  Bibel: „Wer hören kann, der höre.“  Gott ist erfahrbar durch das Ohr, also das Wort. Das Bilderverbot drückt unter andem das Misstrauen gegen das  Auge aus, gegen die falsche Vorstellung. Die mittelalterliche Darstellung der Zeugung Christi zeigt, dass der Heilige Geist zu Maria sprach, also durch Klang, durch das Wort, den Logos.
  •  Ein Beispiel aus der Antike: Die Zauberin Kirke verwandelte die Genossen des Odysseus in Schweine. Die wesentlich grausamere Strafe für die Unglücklicken war nicht die Tatsache, fortan als Schweine leben zu müssen, sondern dass sie die Menschen weiterhin verstehen, also hören konnten.
  • Ein Beispiel aus der Embryologie: Das Hörvermögen des jungen, menschlichen Embryos wird sehr früh ausgebildet. Dieser hört die Herztöne und Verdauungsgeräusche der Mutter sehr gut. Die Mutter ist das Musikintrument, in das der Embryo eingebettet ist und weltfähig gemacht wird. Nicht zu Unrecht gibt es den Begriff „vokales Matriachat“.
  • Ein Beispiel aus der Tierwelt: Frischgeborene Schweine oder Ziegen hören die Stimme ihrer Muter aus Tausenden von Stimmen heraus, hat ein wissenschaftliche Studie herausgefunden.
  • Ein Beispiel aus dem nationalen Selbstverständnis: Hohe Ideen und nationale Identitäten werden oft mit Klängen untermauert, sei es in Form der Nationalhymne oder von Militärmusik.

Das Auge ist schliessbar, das Ohr nicht

Wir können wegsehen, aber nicht weghören. Das heisst, wir sind dem Klang, dem Ton, dem Lärm permanent ausgeliefert. Auch gegen unseren Willen.  Meiner Einschätzung nach findet in unserer Zeit eine Desensibilisierung des Hörvermögens statt: Durch Lärm, überlaute Musik, die teilweise weit mehr als 100 Dezibel erreicht (Streetparade, Parties) oder durch Kopfhörer noch verstärkt wird, schwächen wir unser Hörorgan.  20 Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland leiden an Höverlust. Zugleich nimmt die Bedeutung des Visuellen zu, insbesondere das Bildschirmsehen. Via Tasten erschaffen wir Bilder.

Ob wir uns nicht ab und zu wieder vermehrt auf das Hören und Zuhören zurückbesinnen sollten?

Rudolf Schenker ist Lektor und Experte für Deutsch-Maturitätsprüfungen an diversen Schweizer Schulen.

 

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